I. Akt
Es ist Ende Mai. Vor unserer Haustür hat sich ein herrenloses Damenrad angefunden. Nach zwei Tagen bringe ich es ins Rathaus zum Fundbüro. Als ich ankomme, ist die Tür verschlossen, aber nebenan erwische ich eine dicke Frau die grade mit ihrer Kollegin tratscht und mir sagt, sie würde gleich aufschließen. Fünf Minuten später darf ich dann tatsächlich eintreten. Auf dem Boden stehen Eimer mit Ausweisen, Reisepässen und amerikanischen Führerscheinen, ansonsten hält sich das Chaos vornehm zurück. Ich erkläre der dicken Frau mein Anliegen und daß ich meinen Fund gerne behalten möchte, falls ihn niemand vermisst. Frau Rötzsch* erwidert Na dann hätten Set ja auch gleich zu Hause lassen könnn und mir die Daten per Telefon geben. Dit kostet Sie so 5,11 Euro und … und wir müssn runta inn Fahrradkeller… Dabei setzt sie ihren müdesten Tausendmeterblick auf, so wie Frodo als er zum ersten Mal den Schicksalsberg sieht. Ich laufe wieder runter, hole das Rad und warte vor dem Nebeneingang und bekomme ein schlechtes Gewissen und frage mich, wie ich dieser armen Frau nur so viel Ungemach bereiten konnte. Eine kleine Ewigkeit später kommt eine schnaufende, schweißtriefende Beamte die Treppe heruntergekeucht und schließt die Kellertür auf. Der Geruch von verfallener Stadtmauer und vergrabenem Feudalismus schlägt mir entgegen. Zwischen staubigen Rüstungen und preußischen Kronleuchtern sitzen Friedrich II. und Peter Lenné und spielen Skat. Frau Rötzsch versucht, im Halbdunkel aus zwei Metern Entfernung die Fahrradnummer abzulesen, was nicht so gut klappt. Mit einem geschickten Handgriff stelle ich das Gefährt auf den Kopf und diktiere ihr die Zahlen auf der Unterseite des Tretlagers. Anschließend machen wir uns auf die lange beschwerliche Reise zurück in die erste Etage. Nach einem weiteren Schweißausbruch und einem halben Herzinfarkt plumpst die Dame in ihren bedrohlich schwankenden Bürostuhl. Die nächsten geschätzten drei Stunden wird akribisch eingetippt, wer was wann wo gefunden hat. Leider spielen die Buchstaben auf Frau Rötzschs Tastatur Fange und es ist reines Glück wenn ihre wurstigen Finger mal den richtigen erhaschen. Mit letzter Kraft wird dann meine Fundanzeige ausgedruckt und ich soll in 6 Monaten wiederkommen. Ich bedanke mich und fahre heim.
II. Akt
Heute ist es endlich so weit, ich betrete das Büro. Frau Rötzsch sitzt in weißen Lederpantoffeln auf einem geblümten Kissen und versucht, die wild durcheinanderhüpfenden Buchstaben mit ihrem Zeigefinger zu erwischen. Heute ist auch ihre Kollegin da (diese Knochenarbeit im Fundbüro kann man wirklich nur zu zweit ertragen) und nachdem ich die Bearbeitungsgebühr von 5,11 € (Ham Se och so fille dabei? Kiekn Se lieba noch ma!) bezahlt habe, erbarmt sie sich und wir stiefeln zu zweit runter in den Keller. Mein neues Fahrrad heißt Attwenntuhre und hat ganz viele Gänge und ich freue mich und fahre nach Golm.
(*Name geändert)







